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Sonntag, 15. Juni 2008
Zwischen Körpern
annainwien, 20:39h
Endlich doch noch das morbide Wien im Erasmus Tagebuch. Zwar nicht als Leichenbestatter, aber immerhin darf ich in meinem neuen Job Aufsicht bei der österreichischen Version von "Körperwelten" machen. Menschen, deren Körperteile nach ihrem Tod plasitifiziert wurden. Im Unterschied zu "Körperwelten" weiß bei dieser Ausstellung offenbar niemand genau, ob die Menschen wirklich ihr Einverständnis gegeben haben. Die seien alle aus China und wenn du dort im Krankenhaus stirbst, kann der Staat mit dir machen was du willst, wurde mir erklärt. Zu faul, um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu checken, stelle ich die Information einfach mal online. Und während draußen die EM Euphorie, der Fussballzauber die Stadt beherrscht oder auch nicht, drehe ich meine Runden an scheibenweise toten Menschen vorbei.
Ich trage meine Chucks und hoffe, dass niemand die Löcher sieht. Immerhin sind sie schwarz, die Chucks, und dunkle Schuhe waren Bedingung für den Job. Die Löcher allerdings sind inzwischen so platziert, dass es gut sein kann, dass sich die Sohlen plötzlich ganz abtrennen und im Arterienraum liegen bleiben, während ich mit der Oberhälfte zum Gehirn weiter wandere.
Elf Stunden Aufsicht können zach werden. In Thomas Bernhards „Alte Meister“ geht die Figur Reger seit 30 Jahren jeden zweiten Tag ins Kunsthistorische Museum, um ein einziges Gemälde zu studieren. Ich überlege mir in der dritten Stunde meiner Schicht, ob ich mir vielleicht auch einen Körper zum studieren aussuchen soll. Den Tennisspieler mit der Raucherlunge. Oder den Dirigenten mit dem offenen Kopf. In der vierten Stunde komme ich darauf, dass ich mich wirklich rein gar nicht für solche Dinge interessiere. Menschen und so. Embryos im Glas, langweilig. Das Hautkleid eines Mannes, mir doch egal. Völlig sinnlos, mir hier etwas zum studieren zu suchen.
Ein wenig später unterhalte ich mich mit dem Security Mann, einem freundlichen Österreicher mit einer Popper Frisur, die etwa zwanzig Jahre zu jung für ihn ist und wahrscheinlich auch nicht beabsichtigt. Er sieht ein bisschen aus wie Paul McCartney und arbeitet im normalen Leben bei der Bank, nicht als Security, sondern in einem ganz normalen Bürojob. Aber jetzt, sagt Paul Mc Cartney, hat er dort für einen Monat weniger zu tun und hackelt darum in zwei anderen Jobs durch. Gleich nach seiner 12 Stunden Tagesschicht gehe er dann rüber zum Fancamp und drehe dort bis morgens um neun seine Runden. Das Fancamp ist in der Nähe des Stadions aufgebaut worden, dort stehen in einer Fabrikhalle abgetrennte Bereiche zu je sechs Betten. Für ein Bett zahle man 38 Euro ohne Frühstück. Lazarett sei also noch komfortabel dagegen, sagt Paul Mc Cartney inmitten seines 24 Stunden Arbeitstages und lächelt dabei. Ich frage, ob er denn nicht genug verdiene in seinem Bankjob, dass er nun diese Monsterschichten schiebt. „Doch“, sagt Paul McCartney, „aber wenn schon einmal EM in Österreich ist, will ich auch a wenig naschen. Auch a Stückl vom Kuchen.“
Die letzten drei Stunden darf ich am Ausgang sitzen und die Tickets einsammeln. Außerdem liegen da auch die Besucherbögen. Da kann man seine Meinungen über die Ausstellung anbringen. Eine ältere Frau zeigt mir ihren Eintrag („es war sehr interessant und aufschlussreich“) und fragt mich, ob das wohl ausreicht, oder ob sie noch mehr schreiben muss. „Sie sehen, ich zittere, ich bin sehr aufgeregt, ich habe noch nie etwas in ein Gästebuch geschrieben es hat mir wirklich gut gefallen.“, sagt sie. Ich bin verlegen, weil mich eine sicher vierzig Jahre ältere Frau so erwartungsvoll anschaut, und bestätige ihr, dass sie alles vollkommen richtig gemacht habe. Sie strahlt und geht. Mit leerem Kopf schaue ich ihr nach. Ein Kollege kommt vorbei und meint, ich sehe nach einem Tag schon so aus, wie alle anderen nach drei Monaten. Um neun darf ich gehen. In der U-Bahn singt eine Gruppe Mädels in rot gelb rot. Spanien hat gerade gegen Schweden 2:1 gewonnen.
Ich trage meine Chucks und hoffe, dass niemand die Löcher sieht. Immerhin sind sie schwarz, die Chucks, und dunkle Schuhe waren Bedingung für den Job. Die Löcher allerdings sind inzwischen so platziert, dass es gut sein kann, dass sich die Sohlen plötzlich ganz abtrennen und im Arterienraum liegen bleiben, während ich mit der Oberhälfte zum Gehirn weiter wandere.
Elf Stunden Aufsicht können zach werden. In Thomas Bernhards „Alte Meister“ geht die Figur Reger seit 30 Jahren jeden zweiten Tag ins Kunsthistorische Museum, um ein einziges Gemälde zu studieren. Ich überlege mir in der dritten Stunde meiner Schicht, ob ich mir vielleicht auch einen Körper zum studieren aussuchen soll. Den Tennisspieler mit der Raucherlunge. Oder den Dirigenten mit dem offenen Kopf. In der vierten Stunde komme ich darauf, dass ich mich wirklich rein gar nicht für solche Dinge interessiere. Menschen und so. Embryos im Glas, langweilig. Das Hautkleid eines Mannes, mir doch egal. Völlig sinnlos, mir hier etwas zum studieren zu suchen.
Ein wenig später unterhalte ich mich mit dem Security Mann, einem freundlichen Österreicher mit einer Popper Frisur, die etwa zwanzig Jahre zu jung für ihn ist und wahrscheinlich auch nicht beabsichtigt. Er sieht ein bisschen aus wie Paul McCartney und arbeitet im normalen Leben bei der Bank, nicht als Security, sondern in einem ganz normalen Bürojob. Aber jetzt, sagt Paul Mc Cartney, hat er dort für einen Monat weniger zu tun und hackelt darum in zwei anderen Jobs durch. Gleich nach seiner 12 Stunden Tagesschicht gehe er dann rüber zum Fancamp und drehe dort bis morgens um neun seine Runden. Das Fancamp ist in der Nähe des Stadions aufgebaut worden, dort stehen in einer Fabrikhalle abgetrennte Bereiche zu je sechs Betten. Für ein Bett zahle man 38 Euro ohne Frühstück. Lazarett sei also noch komfortabel dagegen, sagt Paul Mc Cartney inmitten seines 24 Stunden Arbeitstages und lächelt dabei. Ich frage, ob er denn nicht genug verdiene in seinem Bankjob, dass er nun diese Monsterschichten schiebt. „Doch“, sagt Paul McCartney, „aber wenn schon einmal EM in Österreich ist, will ich auch a wenig naschen. Auch a Stückl vom Kuchen.“
Die letzten drei Stunden darf ich am Ausgang sitzen und die Tickets einsammeln. Außerdem liegen da auch die Besucherbögen. Da kann man seine Meinungen über die Ausstellung anbringen. Eine ältere Frau zeigt mir ihren Eintrag („es war sehr interessant und aufschlussreich“) und fragt mich, ob das wohl ausreicht, oder ob sie noch mehr schreiben muss. „Sie sehen, ich zittere, ich bin sehr aufgeregt, ich habe noch nie etwas in ein Gästebuch geschrieben es hat mir wirklich gut gefallen.“, sagt sie. Ich bin verlegen, weil mich eine sicher vierzig Jahre ältere Frau so erwartungsvoll anschaut, und bestätige ihr, dass sie alles vollkommen richtig gemacht habe. Sie strahlt und geht. Mit leerem Kopf schaue ich ihr nach. Ein Kollege kommt vorbei und meint, ich sehe nach einem Tag schon so aus, wie alle anderen nach drei Monaten. Um neun darf ich gehen. In der U-Bahn singt eine Gruppe Mädels in rot gelb rot. Spanien hat gerade gegen Schweden 2:1 gewonnen.
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Sonntag, 17. Februar 2008
augarten, winter
annainwien, 20:35h

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Freitag, 11. Januar 2008
Und wer räumt auf?
annainwien, 10:51h

„Von der schnellsten Sorte sind die hier ja nicht.“, kommentiert Inga, als wir durch den weihnachtlich geschmückten ersten Bezirk taumeln. Es ist der fünfte Januar. Wir taumeln, weil es so kalt ist, dass wir uns kaum bewegen können. Ein Punsch wäre nicht schlecht, aber die Punschstände sind wirklich das einzige, das sie inzwischen abgebaut haben. Wir flüchten in den Stephansdom, wo tatsächlich ein Chor „Oh Tannebaum“ singt. Überall trockene Tannenzweige. Im Café Museum schläft ein kleiner Nikolo im Fenster, an der Tür ein Zettel, auf dem das Team „Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr“ wünscht.
Wien hat sich, nachdem ich es vor drei Wochen verlassen habe, offenbar in seinem Weihnachtsrausch verloren. Jetzt liegt es verkatert zwischen toten Weihnachtsbäumen im neuen Jahr und mag nicht aufräumen.
Am letzten Tag des alten Jahres war ich wieder im eigenen Bett aufgewacht. Mit Meike im Gepäck kam ich am Naschmarkt ins neue Jahr, aus einem offenen Auto klang der Donauwalzer und Paare tanzten am Straßenrand. Vorher gabs Chili con Carne. Der Taxifahrer sagte: Da gebt ihr Gas ins neue Jahr. Wir waren schon etwas angetrunken und mussten darum sehr lachen. Auf einer späteren Party waren wir dann noch etwas mehr angetrunken. Die Garderobe hing überm Buffet und Meikes Mantel im Tiramisu, drei DJs über ihren Macs und Menschen an Tischen. Der Rest war unscharf bis zum Taxi, das uns abermals durch die Nacht brachte. Geböllert wurde wenig, mit Berlin sowieso kein Vergleich. Wie Krieg sei es gewesen, sagte Jana, die zum ersten Mal überhaupt in Deutschland war und dann gleich an Silvester geduckt in einem Hauseingang in Neukölln verbringen musste, während kleine Halbstarke mit Waffenattrappen in den verrauchten Straßen herumrannten. „Überall degenerierte junge Menschen“, schrieb Julia aus Prenzlauer Berg. In Wien: Keine Spur. Hie und da eine kleine Rakete, die mit einem Puff explodierte. Verkaterte sind lärmempfindlich. Getrunken werden konnte zwar schon wieder, aber das kann ja immer. Kaum eine Fahrt, bei der ich nicht einen bewusstlosen Obdachlosen von Sanitätern umringt im U-Bahnhof sehe.
In den ersten Tagen des neuen Jahres wird die Kälte beißend und dringt durch alle Schichten. In der WG beschließt Jana darum, den Punsch einfach selbst zu kochen. Nach zwei Tassen wird es uns so warm, dass Inga sogar ihre Skisocken auszieht. Wir essen ein wenig Schokolade aus dem Adventskalender.
Am siebten Januar bringe ich Inga zur S-Bahn, die sie zum Flughafen tragen wird. In letzter Minute reiche ich ihr noch die Liliput-Sachertorte in der Hutschachtel durch die Tür, die ich für sie verwahrt hatte. Danach gehe ich zum ersten Mal in diesem Jahr wieder in die Uni. Ein prächtiger Tannenbaum mit lauter Geschenken wartet auf mich in der Eingangshalle. Als wäre die Stadt in einer Zeitblase gefangen.
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