Samstag, 30. August 2008

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Sag zum Abschied leise „Bussibaba“
Vor vier Wochen bekam ich einen Erasmus-Newsletter, den letzten, der mich herzlich in Deutschland zurückbewillkommnete und mir wünschte, dass ich das Post-Erasmus-Syndrom gut überstehe. Ich bin aber immer noch hier in Wien. Last Erasmus Standing.
Der Sommer geht langsam zu Ende, die Körper der Rentnerinnen im Schimmbad Brigittenau haben inzwischen einen lederartigen Teint angenommen. Unter meinem Fenster sehe ich die Urlaubsheimkehrer im Stau stehen und sich gegenseitig anschreien. Auch nach einem Jahr in dieser Stadt ist es mir unmöglich, zu verstehen, was sie schreien, es könnte auch klingonisch sein. Inzwischen mag ich Mannerschnitten. Mein KTM-Austria-Fahrrad wurde mir immer noch nicht geklaut. Außerdem zeigen die regelmäßigen Archivbesuche langsam ihre Wirkung. Ich bin jetzt wer, man kennt mich dort. „Ich brauche Ihren Ausweis nicht mehr zu sehen, Frau Helberisch, ich weiß doch, wer Sie sind.“ sagt die Pförtnerin morgens zur Begrüßung. Ich kenne ihren Namen nicht, weswegen sie klar im Vorteil ist, denn, selbst wenn sie sich einen falschen Namen merkt, kann sie den zumindest immer wieder mir zuordnen. Weil man hier die Jahreszeit immer am Getränk erkennt, ist Aperolspritzer gerade mein zweiter Vorname. So lange Aperolspritzer, so lange noch Sommer, so lange noch abends am Donaukanal und tagsüber am Gänsehäufel, dem Strandbad an der Alten Donau. So lange noch Sommer, so lange noch Wien. Morgen, am 31. August, fahre ich wieder zurück. Obwohl die Aperolspritzermethode sich hervorragend zur Verdrängung solcher Daten eignet, sind jetzt die beiden gepackten Taschen im leeren Zimmer recht real.
Gestern feierte das Filmmuseum zur Wiedereröffnung eine Party, wir saßen dort auf der Treppe der Albertina und ich dachte mir, dass diese Menschen die zu solchen Partys gehen eigentlich auch immer gleich aussehen, egal wo man hin geht und in welcher Stadt man ist. Aber nur in Wien kann man dann mit seinem Gratis-Spritzer um die Ecke gehen und an der Hofburg im Burggarten stehen, wo die Securities gerade an der Rückseite der Nationalbibliothek ausprobieren, wie hoch das Licht ihrer Taschenlampe reicht. Und wenn es dann schon nach Mitternacht ist, ist es sehr schön und friedlich dort, weil die Touristen schon wieder in den Hotels sind und die Wiener an der Gratisspritzerquelle um die Ecke. Ich dachte dann daran, dass ich genau vor einem Jahr, noch bevor ich nach Wien gezogen bin, das erste Mal zu einer ähnlichen Uhrzeit mit Mika dort gestanden war und mir vorgenommen hatte, hier möglichst oft hinzukommen. Habe ich dann natürlich nicht gemacht. Auch zum Zentralfriedhof habe ich es nie geschafft in dem Jahr, genausowenig wie die Dritte-Mann-Untergrundstour, ins U4, in die Nachtschicht oder auf einen Ausflug nach Budapest. Sarah erinnert mich daran, dass ich den großen Gothicball, den „Schwarzen Reigen“ im Schloss Neugebäude auch verpasst habe. Stimmt natürlich.
Heute morgen beim Aufwachen wurde mir zum ersten Mal wehmütig zumute. Ich musste dann auf Youtube ein bisschen Alexandra „Mein Freund der Baum ist tot“ hören, danach gings wieder. Morgen schon im Zug Richtung Zürich, von dort dann in einer Woche nach Hamburg und Anfang Oktober wieder fest in Berlin. Aber heute, heute ist es noch Wien, am Abend gibts den Gürtelnightwalk mit Open-Air-Konzerten und die halbvolle Aperolflasche im Kühlschrank zeigt: Noch ist Sommer.

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