Montag, 30. Juni 2008
Zwischen Aristokraten
„I kumm mer vor, wie aufm Höödenplatz in die 30er.“ sagt der Parterrechef von der Stadthalle. Wir haben uns alle im Foyer um ihn herum versammelt, noch nie habe ich so viele Stadthallenkittel auf einmal gesehen. „Wüüßt a Podest“ ruft einer, und eine Armee aus Kitteln lacht.
An diesem Abend spielt Elton John, der eigentlich in einem Stadion hätte spielen sollen. Warum er nun in der Stadthalle spielt, ob wegen Unwetter, zu wenig verkaufter Tickets, EM, man weiß es nicht, wir wissen nur eins: Zweieinhalbtausend Menschen müssen von uns umgesetzt werden. Der Chef vom Parterre bereitet uns darauf vor, dass dies kein Kinderspiel wird. „Des ist das Klientel, das sonst in die Halle F geht, des heißt: Zwischen 40 und 50, vüü Geld für die Koartn ausgegeben. Also: Die Leit werden euch mit dem Oasch entgegen kommen.“
Ich lache, alle schauen mich ernst an.
Der Chef fährt fort: „Des heißt: Ihr werdets vüü zu hörn bekommn, diskutierts ned, dazu habt ihr eh keine Zeit, denn ihr wisst ja, es kommen alle...“ – „...zwanzig Minuten vorher!“ spricht eine Armee in grauen und blauen Kitteln im Chor im Foyer.
Wir bekommen einen mehrseitigen Plan in vielen bunten Farben und Buchstaben. Der Plan zeigt, welche Menschen von wo nach wo umgesetzt werden sollen. Ich verstehe kein Wort. Mein zugewiesener Bereich ist das Parkett. Hier sitzt man fast ganz vorne an der Bühne, nur ein Platz im Orchester ist näher. Oder auf Elton Johns Flügel, der schon auf der Bühne steht. Menschen, die heute abend im Parkett sitzen, haben vor ein paar Monaten auch auf dem Opernball getanzt. Ich bin umringt von den Reichen und Schöngespritzten dieser Stadt, die mir nun erzählen, was sie wert sind. Sie rechnen es mir sogar vor. 275 Euro habe eine Karte gekostet. Ganz sicher werden sie sich jetzt nicht irgendwohin setzen. „275 Euro“, sagt eine blondierte Frau in einer Art Lederpetticoat zu mir, „das macht 1700 Schilling“. Eigentlich ergibt das, wenn ich mich noch richtig an den Wechselkurs erinnere, sogar mehr als 3500 Schilling, aber es ist wohl der falsche Moment, um sie zu verbessern. Ich nicke nur, und sage, wie gut ich das alles verstehen könne, aber eben, leider leider bin ich ja nur das kleine Rädchen in der Maschine und kann rein gar nichts tun, außer ihr einen Platz anzubieten. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie eine Kollegin von einer Holländerin im orangefarbenen Pulli angeschrien wird. Neben ihr steht ein junger Mann, der aussieht, wie eine Oscar Wilde Figur in schwarz weißen Gamaschen und schaut traurig. Ein Liz-Taylor-Double geht an mir vorbei und schimpft im Wiener Dialekt leise vor sich hin. Manche finden sich auch zusammen und gründen eine spontane Schimpfgemeinschaft. Menschen die sich davor nicht kannten, tauschen sich nun aus, verbünden sich, klopfen einander auf die Schultern und lachen irgendwann sogar. Und so kehrt die Ruhe dann eigentlich fast von selbst ein, die Vorfreude auf das Konzert siegt oder vielleicht auch die Erschöpfung durch die Hitze. Bei 30 Grad Außentemperatur ist auch mein Anzugskittel nicht unbedingt das optimalste Kleidungsstück, ich spüre, wie mir der Schweiß den Rücken herunterrinnt, während ich zwischen den Reihen hin und herlaufe.
Das Licht geht irgendwann aus, mit einer Taschenlampe weise ich die letzten Aristokraten zu ihren Plätzen. Die ersten Takte von „Your Song“ erklingen. Als Elton John die Bühne betritt, stehe ich ganz vorne neben den Sanitätern. Er beginnt zu singen, ich schaue ins Publikum und sehe bald lauter kleine Tränen in zu stark geschminkten Augen glitzern.
Selbst draußen im Foyer, wo ich eine Türwache vertrete, hallt die Stimme noch nach. Nach eineinhalb Stunden Balladen kommen die fetzigeren Stücke an die Reihe. Auf Stichwort stürmt eine instruierte Gruppe von Fans aus dem Rang hinunter an den Bühnenrand und tanzt wild. Schüchtern folgen dann auch die ersten echten Zuschauer, ich entdecke die Frau im Lederpetticoat wieder, die ein wenig am Rand der Masse mit erhobener Faust das „Evil“-Zeichen gibt, also Zeigefinger und kleiner Finger zu Teufelshörnern erhoben.
„I muass sagn, der is scho guat.“ sagt ein pensonierter Arbeitskollege neben mir. „Er mog zwar die Männer. Aber des is au guat.“
Wenig später darf ich gehen. Im kleinen Aufenthaltsraum, in dem meine Sachen liegen, finde ich eine Kollegin, die offenbar in ihrer letzten Pause eingenickt ist. Jetzt sitzt sie immer noch am Tisch und atmet gleichmäßig. Ich lasse sie schlafen.

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