Montag, 16. Juni 2008
Vor dem Spiel
Heute morgen an der Uni verteilen zwei Promotionmädels in gelben Trikots von der Post Schlüsselanhänger, aus denen auf Knopfdruck der Originalton der entscheidenden Stelle des Cordoba Spiels dröhnt. Das Ding geht dann auch immer wieder von selbst los. „Tor! Tor! Tor! Tor! Tor! Tor!I werd narrisch! Krankl schießt ein – Drei zu Zwei für Österreich!“, schreit meine Tasche, als ich bei Hofer an der Kasse stehe.
Immer mehr Menschen rennen jetzt in diesen Cordoba T-Shirts herum. Es gibt auch einen Song von Mambo Kurt mit dem Titel „Lieber Gott schenk mir ein zweites Cordoba“ und auf YouTube gibt's eine Fake Dokumentation von David Schalko, wie Österreich Europa Meister wird. Das „Wunder von Wien“ heißt der Film und den Titelsong geben Heinz aus Wien, die dabei klingen wie die Sportfreunde Stiller.
Die EM (oder wie man hier sagt: die Euro) läuft jetzt seit einer Woche und das größte Ziel der Österreicher sei es, laut meiner Mitbewohnerin, nicht die Euro zu gewinnen, sondern dafür zu sorgen, dass die Deutschen sie nicht gewinnen. Endlich würden die Deutschen paniert, heißt es an einer Stelle im „Wunder von Wien“, endlich werde abgerechnet, sagt ein Arbeitskollege. Heute spielt Deutschland gegen Österreich und meine Mitbewohnerin sagt, ich solle vielleicht aufpassen, dass ich keine Deutschland Fahne trage, damit ich nicht zusammengeschlagen werde. Und vielleicht solle ich nicht unbedingt in die Fanzone gehen. Die Fanzone zieht sich hier von der Uni bis zum Heldenplatz den Ring entlang. Auf dem Burgtheater thront jetzt ein riesiger Fussball, die Bank Austria hat Zelte aufgebaut, in denen sie kostenlose Massagen für eine entspannte Euro anbietet und sämtliche Lokale bieten auf Tafeln „Beer to go“ an. Inzwischen, höre ich gerade per Skype von meiner Piefke-Korrespondentin aus dem 7. Bezirk, wird aber die Fanzone auch schon dicht gemacht. Zu viele Leute.
Am Abend zuvor war noch dieses Türkei-Tschechien-Spiel gelaufen, bei dem es die Türken in den letzten 15 Minuten tatsächlich geschafft haben, sich mit drei Toren ins Viertelfinale zu schießen. Ich bin dann später zu Türkiye Türkiye Rufen und Hupkonzerten eingeschlafen.
Heute morgen ist die deutsche Nationalmanschaft aus Klagenfurt in Wien angekommen.
„Fakt ist“, zitiert GMX.at den STANDARD, „Die Deutschen werden Stegersbach gehörig vermissen. Sie nahmen mit, dass ‚ihr Österreicher tatsächlich locker seid’ und ließen quasi einen in Neid getunkten Sauerbraten zurück. Daheim werden sie sich wieder an ‚die Verkrampfung’ gewöhnen und zur Linderung rote Grütze essen müssen.“
Wahrscheinlich noch vor der Mannschaft sind die ersten Fans gekommen. Die trinken zur Linderung der deutschen Verkrampfung lieber mal ein Bier und überschwemmen den ersten Bezirk. Es ist gerade mal elf. Ein Fiaker, prall gefüllt mit Jungs im Deutschland Trikot, fährt an mir vorbei. Den Jungs ist die frühe Stunde des Tages anzumerken, aus verquollenen Augen schauen sie in die Richtung, in die der Kutscher zeigt und versuchen, Pestsäule, Steffel und Hofburg zu würdigen. Kostet schließlich auch vierzig Euro aufwärts, so eine Fahrt.
Eine deutsche Studienkollegin ruft mich an. Wo wir denn noch Fussball schauen können. Mit ihren Mitbewohnerinnen gehe das nicht, die seien Österreicher, vielleicht schließe sie sich einfach allein in ihrem Zimmer ein und schaue ganz ganz leise das Spiel auf ihrem Laptop mit TV Karte. Wir einigen uns darauf, die Situation zu beobachten und uns am Abend für den geeigneten Ort zu entscheiden.
Ein Feuerwehrwagen fährt an mir vorbei, der Fahrer hat ein rot-weiß-rotes Schweißband an. Ich frage mich, rein hypothetisch, wenn jetzt ein Deutscher und ein Österreicher gleichzeitig zu brennen anfangen, wen er zuerst löschen würde.
Noch drei Stunden bis zum Spiel.

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