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Freitag, 11. Januar 2008
Und wer räumt auf?
annainwien, 10:51h

„Von der schnellsten Sorte sind die hier ja nicht.“, kommentiert Inga, als wir durch den weihnachtlich geschmückten ersten Bezirk taumeln. Es ist der fünfte Januar. Wir taumeln, weil es so kalt ist, dass wir uns kaum bewegen können. Ein Punsch wäre nicht schlecht, aber die Punschstände sind wirklich das einzige, das sie inzwischen abgebaut haben. Wir flüchten in den Stephansdom, wo tatsächlich ein Chor „Oh Tannebaum“ singt. Überall trockene Tannenzweige. Im Café Museum schläft ein kleiner Nikolo im Fenster, an der Tür ein Zettel, auf dem das Team „Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr“ wünscht.
Wien hat sich, nachdem ich es vor drei Wochen verlassen habe, offenbar in seinem Weihnachtsrausch verloren. Jetzt liegt es verkatert zwischen toten Weihnachtsbäumen im neuen Jahr und mag nicht aufräumen.
Am letzten Tag des alten Jahres war ich wieder im eigenen Bett aufgewacht. Mit Meike im Gepäck kam ich am Naschmarkt ins neue Jahr, aus einem offenen Auto klang der Donauwalzer und Paare tanzten am Straßenrand. Vorher gabs Chili con Carne. Der Taxifahrer sagte: Da gebt ihr Gas ins neue Jahr. Wir waren schon etwas angetrunken und mussten darum sehr lachen. Auf einer späteren Party waren wir dann noch etwas mehr angetrunken. Die Garderobe hing überm Buffet und Meikes Mantel im Tiramisu, drei DJs über ihren Macs und Menschen an Tischen. Der Rest war unscharf bis zum Taxi, das uns abermals durch die Nacht brachte. Geböllert wurde wenig, mit Berlin sowieso kein Vergleich. Wie Krieg sei es gewesen, sagte Jana, die zum ersten Mal überhaupt in Deutschland war und dann gleich an Silvester geduckt in einem Hauseingang in Neukölln verbringen musste, während kleine Halbstarke mit Waffenattrappen in den verrauchten Straßen herumrannten. „Überall degenerierte junge Menschen“, schrieb Julia aus Prenzlauer Berg. In Wien: Keine Spur. Hie und da eine kleine Rakete, die mit einem Puff explodierte. Verkaterte sind lärmempfindlich. Getrunken werden konnte zwar schon wieder, aber das kann ja immer. Kaum eine Fahrt, bei der ich nicht einen bewusstlosen Obdachlosen von Sanitätern umringt im U-Bahnhof sehe.
In den ersten Tagen des neuen Jahres wird die Kälte beißend und dringt durch alle Schichten. In der WG beschließt Jana darum, den Punsch einfach selbst zu kochen. Nach zwei Tassen wird es uns so warm, dass Inga sogar ihre Skisocken auszieht. Wir essen ein wenig Schokolade aus dem Adventskalender.
Am siebten Januar bringe ich Inga zur S-Bahn, die sie zum Flughafen tragen wird. In letzter Minute reiche ich ihr noch die Liliput-Sachertorte in der Hutschachtel durch die Tür, die ich für sie verwahrt hatte. Danach gehe ich zum ersten Mal in diesem Jahr wieder in die Uni. Ein prächtiger Tannenbaum mit lauter Geschenken wartet auf mich in der Eingangshalle. Als wäre die Stadt in einer Zeitblase gefangen.
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