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Montag, 29. Oktober 2007
Nationalfeiertag mit Take That
annahelbling, 00:41h
Als ich am Freitag am Rathaus vorbeiradel, hängen Rot-Weiß-Roten Fahnen herunter.

Nationalfeiertag. Touristenbusse parken vor dem Parlament, dort ist Tag der offenen Tür. Ich werde angerufen vom Heldenplatz, dort wären große Militärparaden im Gange, mit Panzern und Eurofightern. Später werde ich von meiner Mitbewohnerin erfahren, dass die Eurofighter der Stolz von Österreich sind. Sie vermutet, dass man darum damals die Studiengebühren eingeführt hatte, um die Dinger zu finanzieren. Ich habe keine Zeit zum gucken, ich muss zu Take That.
Eine Stunde später stehen wir versammelt in unseren blauen Säcken und warten auf Instruktionen. Chef zeigt mit dem Finger auf mich: „Ausgepeitscht, aufgehangen, weggesperrt gehörns.“ Ich habe vergessen, mich beim Pförtner zu melden. Trotzdem ist Chef guter Dinge und spielt eine Ohnmacht vor, als er sieht, dass der Frauenanteil beim Einlasspersonal bei 80 Prozent liegt. Diesmal erinnert er mich mehr an Josef Hader, als an Heiner Lauterbach. Dieses Wien scheint langsam zu wirken. Seit meinem letzten Arbeitstermin hatte ich eine Hardcore-Österreichkulturkur. Wolf Haas-Verfilmungen auf DVD ausgeliehen und Josef Hader bei Harald Schmidt auf Youtube geschaut. Bernhard, Glavinic, Menasse und Schnitzler gelesen, Grillparzer im Burgtheater gesehn und in unserer Literatur und Musik Vorlesung kam Gerhard Rühm vorbei (der uns primär sein Buch zum unschlagbaren Schnäppchen von 5 Euro anbot, Rühm hatte mal ausgegoogelt, wie viel das antiquarisch koste und da sei es ab 50 Euro losgegangen). Inzwischen sage ich auch schon „das geht sich nicht aus“ und meine damit, dass etwas nicht klappt.
Bei Take That geht sich an diesem Abend auch nicht alles aus wie geplant. Ein Sänger – welcher weiß man noch nicht - ist krank, wird mir kurz vor dem Konzert zugetuschelt. Sind sie also heute nicht zu viert statt zu fünft, sondern zu dritt statt zu viert. Mein Job ist es, den Menschen drinnen den Weg zu zeigen, wenn sie ihn nicht zu ihren Plätzen finden. Da das Konzert eine Viertelstunde zu früh anfängt und irgendein Spast die Notbeleuchtung mit schwarzem Gaffer-Tape abgeklebt hat, sind a.l.l.e. darauf angewiesen, dass ich ihnen mit meiner kleinen Taschenlampe den Weg leuchte. Die kleine Taschenlampe wird davon so überfordert, dass sie nach zehn Minuten einen Wackelkontakt bekommt. Gottseidank sind alle sehr nett und warten geduldig. Manche im Publikum sehen aus, als wären sie direkt aus den alten Tagen ins heute gesprungen. So leuchte ich ehrfürchtig einer perfekten Imitation von Kelly Taylor aus Beverly Hills 90210 den Weg.
Als die Show beginnt habe ich sogar so viel Zeit, dass ich sie mir fast komplett anschauen kann. Eine Riesengeschichte, mit Lightshow, Pyroshow, Stripshow, 20 Tänzern und gefühlten 30 Kostümwechseln, bei der eigentlich gar nicht auffällt, dass einer der Sänger, nämlich Howard, krank ist. Trotzdem gibt's ein 5 minütiges Video, da sieht man, wie er mit Schläuchen im Arm im Krankenhaus liegt und seine Fans beruhigt, dass er nicht sterben wird. Was er genau hatte, habe ich aber nicht verstanden.
Lieselotte, meine 70jährige Kollegin aus Schönbrunn, geht nach einem Lied aus dem Saal. Dieses Licht mache sie ganz schwindelig. Im Aufenthaltsraum wird über den letzten Urlaub geredet. Es sei ja schon immer schön, so ein Urlaub, aber „zuhaas, ists eben nicht, verstehst, ma saan immer froh, nach zwei Wochen wieder nach Wien zu kommen.“ Es gibt ein paar Mannerschnitten aufs Haus.
Am Schluss trommelt Chef uns zusammen und gibt uns ein nettes Lob. Alle Neuen würden ihre Sache gut machen. „Ihr hobts a Fingerspitzengefühl mit die Leit, das hatte ich nicht so schnell. Also bleibts mir erholtn und kommts nicht nächste Woche an und erzählt mir ihr seids schwanger geworden. Noch nicht!“
Ich radel mit meinem KTM Austria Rad nach Hause, in die letzte Stunde des Nationalfeiertags und vorbei an einem österreichischen Polizeiauto über eine rote Ampel. Ich darf 36 Euro Strafe bezahlen. Genau einen Euro mehr, als ich an diesem Abend verdient habe.

Nationalfeiertag. Touristenbusse parken vor dem Parlament, dort ist Tag der offenen Tür. Ich werde angerufen vom Heldenplatz, dort wären große Militärparaden im Gange, mit Panzern und Eurofightern. Später werde ich von meiner Mitbewohnerin erfahren, dass die Eurofighter der Stolz von Österreich sind. Sie vermutet, dass man darum damals die Studiengebühren eingeführt hatte, um die Dinger zu finanzieren. Ich habe keine Zeit zum gucken, ich muss zu Take That.
Eine Stunde später stehen wir versammelt in unseren blauen Säcken und warten auf Instruktionen. Chef zeigt mit dem Finger auf mich: „Ausgepeitscht, aufgehangen, weggesperrt gehörns.“ Ich habe vergessen, mich beim Pförtner zu melden. Trotzdem ist Chef guter Dinge und spielt eine Ohnmacht vor, als er sieht, dass der Frauenanteil beim Einlasspersonal bei 80 Prozent liegt. Diesmal erinnert er mich mehr an Josef Hader, als an Heiner Lauterbach. Dieses Wien scheint langsam zu wirken. Seit meinem letzten Arbeitstermin hatte ich eine Hardcore-Österreichkulturkur. Wolf Haas-Verfilmungen auf DVD ausgeliehen und Josef Hader bei Harald Schmidt auf Youtube geschaut. Bernhard, Glavinic, Menasse und Schnitzler gelesen, Grillparzer im Burgtheater gesehn und in unserer Literatur und Musik Vorlesung kam Gerhard Rühm vorbei (der uns primär sein Buch zum unschlagbaren Schnäppchen von 5 Euro anbot, Rühm hatte mal ausgegoogelt, wie viel das antiquarisch koste und da sei es ab 50 Euro losgegangen). Inzwischen sage ich auch schon „das geht sich nicht aus“ und meine damit, dass etwas nicht klappt.
Bei Take That geht sich an diesem Abend auch nicht alles aus wie geplant. Ein Sänger – welcher weiß man noch nicht - ist krank, wird mir kurz vor dem Konzert zugetuschelt. Sind sie also heute nicht zu viert statt zu fünft, sondern zu dritt statt zu viert. Mein Job ist es, den Menschen drinnen den Weg zu zeigen, wenn sie ihn nicht zu ihren Plätzen finden. Da das Konzert eine Viertelstunde zu früh anfängt und irgendein Spast die Notbeleuchtung mit schwarzem Gaffer-Tape abgeklebt hat, sind a.l.l.e. darauf angewiesen, dass ich ihnen mit meiner kleinen Taschenlampe den Weg leuchte. Die kleine Taschenlampe wird davon so überfordert, dass sie nach zehn Minuten einen Wackelkontakt bekommt. Gottseidank sind alle sehr nett und warten geduldig. Manche im Publikum sehen aus, als wären sie direkt aus den alten Tagen ins heute gesprungen. So leuchte ich ehrfürchtig einer perfekten Imitation von Kelly Taylor aus Beverly Hills 90210 den Weg.
Als die Show beginnt habe ich sogar so viel Zeit, dass ich sie mir fast komplett anschauen kann. Eine Riesengeschichte, mit Lightshow, Pyroshow, Stripshow, 20 Tänzern und gefühlten 30 Kostümwechseln, bei der eigentlich gar nicht auffällt, dass einer der Sänger, nämlich Howard, krank ist. Trotzdem gibt's ein 5 minütiges Video, da sieht man, wie er mit Schläuchen im Arm im Krankenhaus liegt und seine Fans beruhigt, dass er nicht sterben wird. Was er genau hatte, habe ich aber nicht verstanden.
Lieselotte, meine 70jährige Kollegin aus Schönbrunn, geht nach einem Lied aus dem Saal. Dieses Licht mache sie ganz schwindelig. Im Aufenthaltsraum wird über den letzten Urlaub geredet. Es sei ja schon immer schön, so ein Urlaub, aber „zuhaas, ists eben nicht, verstehst, ma saan immer froh, nach zwei Wochen wieder nach Wien zu kommen.“ Es gibt ein paar Mannerschnitten aufs Haus.
Am Schluss trommelt Chef uns zusammen und gibt uns ein nettes Lob. Alle Neuen würden ihre Sache gut machen. „Ihr hobts a Fingerspitzengefühl mit die Leit, das hatte ich nicht so schnell. Also bleibts mir erholtn und kommts nicht nächste Woche an und erzählt mir ihr seids schwanger geworden. Noch nicht!“
Ich radel mit meinem KTM Austria Rad nach Hause, in die letzte Stunde des Nationalfeiertags und vorbei an einem österreichischen Polizeiauto über eine rote Ampel. Ich darf 36 Euro Strafe bezahlen. Genau einen Euro mehr, als ich an diesem Abend verdient habe.
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Mittwoch, 17. Oktober 2007
"Gebt's ihnen Macht"
annahelbling, 00:38h
"Die hat sich ihr Erasmus Semester auch anders vorgestellt", meint Christina zu mir, als wir auf dem Prater eine Luftballonverkäuferin im Clownskostüm passieren. Habe ich mir also einen anderen Job gesucht (der war ja auch schon vergeben). Die Wiener Stadthalle suchte Einlasser und lud zum Probetag. An diesem Tag: Die große Wiener Tennis Trophy. Viertelfinale.
Mein Chef schickt mich eine große sackartige Uniformjacke anziehen und trommelt dann alle zusammen. Mich und etwa zwanzig Rentner. Chef sagt: „Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: ..oder nein, fangen wir mit der schlechten an: Die schlechte: ihr habt mich heute bis ganz zum Schluss dabei.“, sagt er aus verquollenen tränenbesäckten Augen. Wenig später wird mir seine Fahne auffallen. „Die gute Nachricht: Am Wochenende habe ich frei.“, sagt Chef, der ein bisschen aussieht wie Heiner Lauterbach auf österreichisch.
Im Aufenthaltsraum, ein kleiner Raum unter den Sitzreihen des ersten Ranges, den man durch eine kleine Luke erkriecht, darf gegen das Nichtrauchergebot geraucht werden. Chef ist Kettenraucher, aber er hat sich etwas tolles zur Nichtrauchermotivation einfallen lassen: Für jede unterlassene Zigarette gibt's einen Chuba Chubb Lolly. Den darf man aber auch nur im Aufenthaltsraum essen. Außerdem gibt's einen Kühlschrank, aus dem sich Chef jetzt ein Bier holt. Das habe er sich jetzt verdient, sagt er. Es ist eins, die Schicht läuft seit einer Stunde. Gut, sei vielleicht ein bisschen früh, sagt Chef und zündet sich seine zwanzigste Zigarette an. „Wir haben eine neue“, stellt mich Chef den anderen vor, „und sie ist Schweizerin“. Habe den Schweizerbonus ausgespielt. Weiß schon, warum ich das mache, alle strahlen mich an. „Seids nett und veroascht sie ned“, sagt Chef und eine Seniorin mit weißhaarigem Topfschnitt zwinkert mich energisch an: „Wir helfen dir schon“, sagt sie. Es wird das letzte Mal sein, dass ich sie an diesem Tag sehe.
Mein Einweiser ist der Toni. Er und seine Gattin Resi arbeiten seit 10 Jahren als Einlasser in der Stadthalle. Erstes Misstrauen, dass ich gar nicht schweizerdeutsch spreche. Ich beeile mich, meinen Akzent zu verstärken. Da lachen sie wieder. „Grüäzi mitänand“, flüstert mir alle Naselang ein Kollege zu. Der Toni nimmt mich an der Hand und zeigt mir die wichtigsten Eingänge und Ausgänge. In Vorarlberg sei der Toni gewesen, für drei Jahre. Vorarlberg, dort wo die österreichische Grenze zur Schweiz ist und sie schon ähnlich reden, deswegen nennen sie manche auch "Gsiberger", weil sie wie die Schweizer nicht „gewesen“, sondern „gsi“ sagen. Wusste ich schon, hat mir irgendein anderer Schlauberger schon mal in ner WG erzählt. Der Toni ist aber gebürtiger Wiener, Ottakringer, 16. Bezirk, um genau zu sein, dort wo das Bier gebraut wird, das 16er Blech. Wien habe sich verändert, sagt er. Ich hätte mal das Burgtheater um '45 sehen sollen. Ich frage, was er vor der Stadthalle beruflich gemacht habe. Er sagt, er habe für die Gemeinde Wien gearbeitet, im Lebensmittelbereich, sagt Toni. Eigentlich, sagt er schließlich, hätte er Kälber geschlachtet und verkauft. „Die Leit sogn immer wie schlimm, die oamen Kälber, die saan so süß, aber Schnitzel essens alle.“
Der Job selbst ist anstrengender als ich dachte. Ich lerne, dass ich über keine Autorität verfüge. Nicht das kleinste bisschen. Ich werde vor eine Tür gestellt und muss Tennisclubbesitzern verbieten bis zur nächsten Pause in die Halle zu gehen. Aufgetackelte Chicks mit glänzenden Strumpfhosen, blonde Fönfrisuren mit Polohemden. Sie hassen mich alle. Noch mehr, weil ich mein Hochdeutsch einfach nicht wegkriege. „Wenn's ihnen einmal Macht gibst“, zetern sie neben mir und rennen dann einfach hinter meinem Rücken in die Halle hinein. Wie im Kindergarten.
Beim Spiel Serbien gegen Argentinien, beginnen sich besoffene Fans im Foyer zu prügeln. Nach einer Viertelstunde kommt ein einziger Security Typ. Es ist der Wahnsinn. Komplett ungesichert die Halle. Einen Polizisten hat man gesichtet. Der ist aber unten und schaut sich das Spiel an.
Alle anderthalb Stunden darf man eine Viertelstunde Pause machen. Dann wird im Aufenthaltsraum die Kronenzeitung gelesen und über die gelästert, die gerade nicht im Aufenthaltsraum sind. Chef kommt dazwischen auf die eine oder andere Zigarette vorbei. Ich lerne, dass Tennis manchmal zwei und manchmal drei Sätze hat. Und wenn der dritte Satz angesagt wird, dann heißt das für uns, dass sich die Arbeitszeit verlängert. Dummerweise hat jedes Spiel an diesem Tag drei Sätze. Chef schickt mich trotzdem schon um 22 Uhr nach 10 Stunden Arbeitszeit nach Hause. Alle hassen mich dafür, sie müssen bis zum bitteren Ende bleiben. Da hilft auch der Schweizerbonus nicht mehr.
Ich radel mit schmerzenden Füßen vom Stehen bis in den zweiten Bezirk und freue mich, dass alles bergab geht. Am Würschtelstand kurz vor Zuhause stelle ich fest, dass ich mein Portemonai in meiner Uniformjacke vergessen habe. Eine halbe Stunde radele ich alles wieder bergauf. Dazu beginnt es – klassisch – zu regnen.
Mein Chef schickt mich eine große sackartige Uniformjacke anziehen und trommelt dann alle zusammen. Mich und etwa zwanzig Rentner. Chef sagt: „Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: ..oder nein, fangen wir mit der schlechten an: Die schlechte: ihr habt mich heute bis ganz zum Schluss dabei.“, sagt er aus verquollenen tränenbesäckten Augen. Wenig später wird mir seine Fahne auffallen. „Die gute Nachricht: Am Wochenende habe ich frei.“, sagt Chef, der ein bisschen aussieht wie Heiner Lauterbach auf österreichisch.
Im Aufenthaltsraum, ein kleiner Raum unter den Sitzreihen des ersten Ranges, den man durch eine kleine Luke erkriecht, darf gegen das Nichtrauchergebot geraucht werden. Chef ist Kettenraucher, aber er hat sich etwas tolles zur Nichtrauchermotivation einfallen lassen: Für jede unterlassene Zigarette gibt's einen Chuba Chubb Lolly. Den darf man aber auch nur im Aufenthaltsraum essen. Außerdem gibt's einen Kühlschrank, aus dem sich Chef jetzt ein Bier holt. Das habe er sich jetzt verdient, sagt er. Es ist eins, die Schicht läuft seit einer Stunde. Gut, sei vielleicht ein bisschen früh, sagt Chef und zündet sich seine zwanzigste Zigarette an. „Wir haben eine neue“, stellt mich Chef den anderen vor, „und sie ist Schweizerin“. Habe den Schweizerbonus ausgespielt. Weiß schon, warum ich das mache, alle strahlen mich an. „Seids nett und veroascht sie ned“, sagt Chef und eine Seniorin mit weißhaarigem Topfschnitt zwinkert mich energisch an: „Wir helfen dir schon“, sagt sie. Es wird das letzte Mal sein, dass ich sie an diesem Tag sehe.
Mein Einweiser ist der Toni. Er und seine Gattin Resi arbeiten seit 10 Jahren als Einlasser in der Stadthalle. Erstes Misstrauen, dass ich gar nicht schweizerdeutsch spreche. Ich beeile mich, meinen Akzent zu verstärken. Da lachen sie wieder. „Grüäzi mitänand“, flüstert mir alle Naselang ein Kollege zu. Der Toni nimmt mich an der Hand und zeigt mir die wichtigsten Eingänge und Ausgänge. In Vorarlberg sei der Toni gewesen, für drei Jahre. Vorarlberg, dort wo die österreichische Grenze zur Schweiz ist und sie schon ähnlich reden, deswegen nennen sie manche auch "Gsiberger", weil sie wie die Schweizer nicht „gewesen“, sondern „gsi“ sagen. Wusste ich schon, hat mir irgendein anderer Schlauberger schon mal in ner WG erzählt. Der Toni ist aber gebürtiger Wiener, Ottakringer, 16. Bezirk, um genau zu sein, dort wo das Bier gebraut wird, das 16er Blech. Wien habe sich verändert, sagt er. Ich hätte mal das Burgtheater um '45 sehen sollen. Ich frage, was er vor der Stadthalle beruflich gemacht habe. Er sagt, er habe für die Gemeinde Wien gearbeitet, im Lebensmittelbereich, sagt Toni. Eigentlich, sagt er schließlich, hätte er Kälber geschlachtet und verkauft. „Die Leit sogn immer wie schlimm, die oamen Kälber, die saan so süß, aber Schnitzel essens alle.“
Der Job selbst ist anstrengender als ich dachte. Ich lerne, dass ich über keine Autorität verfüge. Nicht das kleinste bisschen. Ich werde vor eine Tür gestellt und muss Tennisclubbesitzern verbieten bis zur nächsten Pause in die Halle zu gehen. Aufgetackelte Chicks mit glänzenden Strumpfhosen, blonde Fönfrisuren mit Polohemden. Sie hassen mich alle. Noch mehr, weil ich mein Hochdeutsch einfach nicht wegkriege. „Wenn's ihnen einmal Macht gibst“, zetern sie neben mir und rennen dann einfach hinter meinem Rücken in die Halle hinein. Wie im Kindergarten.
Beim Spiel Serbien gegen Argentinien, beginnen sich besoffene Fans im Foyer zu prügeln. Nach einer Viertelstunde kommt ein einziger Security Typ. Es ist der Wahnsinn. Komplett ungesichert die Halle. Einen Polizisten hat man gesichtet. Der ist aber unten und schaut sich das Spiel an.
Alle anderthalb Stunden darf man eine Viertelstunde Pause machen. Dann wird im Aufenthaltsraum die Kronenzeitung gelesen und über die gelästert, die gerade nicht im Aufenthaltsraum sind. Chef kommt dazwischen auf die eine oder andere Zigarette vorbei. Ich lerne, dass Tennis manchmal zwei und manchmal drei Sätze hat. Und wenn der dritte Satz angesagt wird, dann heißt das für uns, dass sich die Arbeitszeit verlängert. Dummerweise hat jedes Spiel an diesem Tag drei Sätze. Chef schickt mich trotzdem schon um 22 Uhr nach 10 Stunden Arbeitszeit nach Hause. Alle hassen mich dafür, sie müssen bis zum bitteren Ende bleiben. Da hilft auch der Schweizerbonus nicht mehr.
Ich radel mit schmerzenden Füßen vom Stehen bis in den zweiten Bezirk und freue mich, dass alles bergab geht. Am Würschtelstand kurz vor Zuhause stelle ich fest, dass ich mein Portemonai in meiner Uniformjacke vergessen habe. Eine halbe Stunde radele ich alles wieder bergauf. Dazu beginnt es – klassisch – zu regnen.
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